Donnerstag, 17. Juni 2010

Eine Geschichte

oder

Eine Liebeserklärung an die neue Heimat

Grübelt nicht.

Ihr Wecker klingelt um 5. Es ist schon hell, denn es ist Juni. Sie nimmt sich Zeit und weiß nicht, was sie anziehen soll. In diesen Morgenstunden ist das Wetter noch weniger vorhersehbar. Sie wird sich für das Richtige entscheiden, denn das Wetter wird auf ihrer Seite sein: wolkenlos, doch das weiß sie noch nicht. Sie fröstelt auf dem Weg zur Zugstation.

Der Zug nach London Cannon Street fährt pünktlich um 6.37 am. Als sie den Wagon betritt, durchfährt es sie: Peak-time, der Zug ist voller als voll. Menschen neben Menschen. Hauptsächlich arbeitende Bevölkerung. Wer sonst gibt sich an einem freien Tag einem solchen Stress hin? Heute ist es mindestens eine Person. Sie. Jedoch empfindet sie dies keinesfalls als stressig, da keine bevorstehenden Aufgaben auf ihren Schultern lasten, sondern nur eine mit dem Nötigsten gefüllte, rote Ledertasche. Und das nur auf einer Schulter, wenn man’s genau nimmt.

Nach einer kurzen Underground-Fahrt erreicht sie die Victoria Station und macht sich zu Fuß auf zur Couch Station, von wo ihr Bus nach Oxford fahren soll.
London hat einen ganz besonderen Charme in diesen Morgenstunden, denkt sie und sie kann nicht mal ausmachen, woran das liegt. Am Licht? An den wenigen Menschen? An den besonders wenigen Touristen? An der Schönheit der Stadt?

Als sie vor der Abfahrtszeiten-Tafel steht, erschreckt sie. Ihr Bus steht nicht auf der Liste. Doch sie bleibt gelassen und dankt einer höheren Macht, vielleicht auch sich selbst, dass sie zeitig genug da ist, um sich zu erkundigen. Sie erfährt, dass die Busse auf der anderen Straßenseite fahren und nicht auf diesen Tafeln aufgelistet werden. Sie bedankt sich freundlich bei der Service-Mitarbeiterin und wartet, da sie noch etwas Zeit hat, auf der Straßenseite, auf der sie sich befindet. Dort scheint die Morgensonne und die tut gut.

Um 8 Uhr 20 verlässt der Bus die Haltestelle und bahnt sich zunächst seinen Weg durch die Londoner Innenstadt, was eine gute dreiviertel Stunde dauert. Sie liebt diese Stadt, das wird ihr klar, als sie vorbeifahren an Orten, die sie kennt und schätzt und an Plätzen, an denen sie noch nicht war, die sie aber nur zu gerne sehen würde. Es tut fast schon ein bisschen weh, als sie das Londoner Stadtgebiet verlassen und am liebsten wäre sie umgekehrt. Doch wie hätte sie das dem Busfahrer beibringen sollen, wie wäre sie irgendwann nach Oxford gekommen und wofür hätte sie dann das Geld bezahlt, fragt sie sich und schläft ein.

Als sie aufwacht, sind sie schon beinahe da. Viertel 11 erreicht der Bus die Endhaltestelle und die Aufregung macht sich in ihr breit. In ihr, nicht der Endhaltestelle, der Leser versteht.
Sie beschließt, sich nicht die Blöße zu geben und den Zettel mit dem vorgezeichneten Weg zur Besucher Information herauszuholen. Stattdessen folgt sie der Masse und trifft so auf einen Markt, der dem geliebten Portobello Market ähnelt und doch offensichtlich eine größere Vielfalt zu bieten hat. Jeder scheint gut gelaunt, die kommende Mittagssonne erwärmt die Gemüter und taucht den Platz in ein wahnsinnig aufregendes Licht. Sie will am Nachmittag, nach ihrer Entdeckungstour hier noch einmal zurückkehren, das legt sie in diesen Minuten für sich fest.

Ein bisschen wie Canterbury, denkt sie auf dem Weg zur Besucher Information. Dort angekommen, kauft sie sich eine Karte Oxfords mit einer sogenannten walking tour für einen Pfund und macht sich kurz darauf auf den Weg. Vorbei an der Church St Mary Magdalen, am Martyr’s Memorial und der Church St Michael at the North Gate. Und schon jetzt fallen sie ihr auf: die unzähligen Studenten. Schon nach wenigen Stunden wird sie an nichts anderes mehr denken können, als den Wunsch einer dieser Studenten zu sein. Sie möchte so clever sein, wie sie. Vielleicht ist sie das ja, denkt sie, aber angenommen würde sie trotzdem nicht werden.

Als sie den Carfax Tower erreicht, erklimmt sie nach einem kurzen Flirt mit dem Ticket-Verkäufer die schmalen Stufen und wird mit einem fantastischen Ausblick belohnt. Sie ist glücklich, dass sie einen Donnerstag gewählt hat, da die Stadt offenbar nicht vor Touristen strotzt und schweift gedanklich kurz in die Ferne: Sie sieht die Dächer der Colleges und wird wieder euphorisch gepackt von dem Wunsch, Student zu sein. Doch diesmal nicht unbedingt in Oxford, allgemein, denkt sie. Sie will lernen, endlich wieder lernen.

Sie setzt ihre Tour fort, vorbei an der Town Hall, dem Museum of Oxford und dem Pembroke College. Bald steht sie vor dem Eingang zu den Wiesen des Christ Church Colleges, des wohl größten Colleges Oxfords. Wie zauberhaft. Sie ist überwältigt von der Harmonie zwischen dem gotischen Gebäude der Christ Church Cathedral und den blühenden Gärten des Universitätsgeländes.
Leider wird sie enttäuscht am Eingang zum eigentlichen College. Eintritt erst ab 2.30 Uhr. Gut, denkt sie sich, dann muss die Tour wohl spontan etwas abgeändert werden.
Eine deutsche Schulklasse sorgt da für kurze Ablenkung. Sie schmunzelt. Auch hier scheint sie nicht sicher vor ihnen zu sein. Unauffällig lauscht sie den Gesprächen der halbwüchsigen Schüler und wünscht sich in ihre Schulzeit zurück, wo die Läster-Queen der Stufe ein ernstzunehmendes Problem darstellte. Und dann fragt sie sich, ob es falsch ist, den ein oder zwei Jahre jüngeren Typen hinterherzustarren. Unverschämt gut sehen sie aus. Sogar für deutsche Verhältnisse, denkt sie und lächelt dabei.

Ihre spontan geplante Route führt sie dann vorbei am Merton College, wohin sie in ein paar Stunden auch zurückkehren möchte, vorbei an den Examination Halls, am Botanischen Garten und dem Magdalen College.
Ihre Hände zittern, langsam wird sie schwach. Es wird Zeit für einen Mittagssnack. Auf der High Street wird man doch fündig werden, denkt sie und liegt damit goldrichtig. Das Cafe ist dunkel, aber niedlich. Ein Panini und einen English Breakfast Tea, bitte. Gerade beim Tee und bei der dem ersten Schluck folgenden Entspannung weiß sie, dass sie nicht nur mehr angekommen ist in England, sondern auch zu Hause.
Sie gibt 1 Pfund 20 Trinkgeld, weil die Bedienung freundlich, das Essen lecker, der Tee gut und die Aussicht auf die jungen, passierenden Studenten es wert waren.

Es ist immer noch etwas Zeit bis das Christ Church College und auch das Merton College den Weg für Besucher freigeben und so macht sie sich auf den Weg nach Norden. Vorbei am Queen’s College, am New College, unter der Bridge of Sighs entlang, vorbei an der imposanten Bodleian Library und dem Sheldonian Theatre. Bis sie den Radcliffe Square mit der berühmten Radcliffe Camera erreicht. Ihre Informationsbroschüre sagt ihr, dass „camera“ ein mittelalterliches Wort für „Raum“ war und somit erklärt sich ihr auch die hauptsächliche Nutzung des Gebäudes: Es beinhaltet einen großen Lesesaal.

Dann macht sie sich auf den Weg zum Merton College. Nachdem sie aus dem Schatten der Church of St Mary the Virgin tritt, spürt sie die Sonne deutlich auf ihrer Haut und weiß, dass sie dort am Abend etwas mehr als eine Nuance Unterschied zum Morgen ausmachen werden kann.

Als erste Besucherin des Tages betritt sie das Merton College. Dies ist nicht groß und viel bekommt man nicht zu sehen, doch die Anwesenheit einiger Studenten sorgt für eine angenehme Atmosphäre und wieder kommt der Wunsch auf…
Sie sucht den Eingang zur Kapelle und findet nichts, außer einer großen Tür. Sie guckt nach links, nach rechts. Sie versucht sie zu öffnen und die Tür gibt nach. Noch ein Blick nach links und rechts und schon findet sie sich im Inneren der Merton Kapelle wieder. Doch zu ihrer Überraschung ist sie allein, in einer Kapelle, die mehr einer ziemlich großen Kirche gleicht. Behutsam setzt sie einen Schritt vor den anderen. Jeder Mucks ist hörbar und auch ohne zu wissen, dass sie alleine ist, hätte sie es gespürt. Beeindruckend, in der Tat, doch lange will sie sich da nicht aufhalten und schnell macht sie sich wieder auf den Weg zur großen Tür. Wieder im Freien spaziert sie noch eine Weile entlang an den sogenannten Quads, den quadratförmigen, von Collegegebäuden umrahmten, akkurat gemähten Wiesenflächen und dann macht sie sich auf den Weg zur nächsten "ausgelassenen" Touristenattraktion: zum Christ Church College.

Sie ist erfreut über die gewährte Ermäßigung und folgt nun dem vorgegebenen Besucherweg. Viele der Harry Potter-Filme wurden in diesem College gedreht und so kommt ihr die Dining Hall des Colleges sofort bekannt vor. Sie schmunzelt und blinzelt kurz. Ist das Dumbledore da am Ende der Halle? Schweben tatsächlich ein paar Geister über den Tischen? Hat dieser in Samt gekleidete Mann auf dem Gemälde ihr gerade zugezwinkert?
Auch die Kathedrale des Colleges wirkt sehr imposant auf sie, doch nach einiger Zeit hat sie die ständige Anwesenheit von deutschen, französischen und spanischen Touristen um sich satt und sehnt sich nach einer Wiese.

Da sich der Ausgang des Colleges in Richtung High Street befindet, wird aus der Wiese nichts. Doch sie ist leicht zufrieden zu stellen, bzw. abzulenken und so führt sie ihr Weg vorbei an diversen anderen Colleges in einen Second-Hand-Buchladen. Der Kauf 2 neuer Bücher macht sich augenblicklich bemerkbar: Sie grinst und schwenkt ihre Tüte. Fast wie eine von ihnen, denkt sie und findet sich bald am Ausgangspunkt ihrer Tour wieder: am Informationszentrum. Sie hat noch 3 Stunden Zeit.

Sie richtet ihre Frisur beim Blick in ein Schaufenster und macht sich auf dem Weg zum Covered Market. Schön ist er, aber die Preise sind eindeutig zu hoch, das fällt ihr auf. Sie kauft sich 2 Tassen und ein Eis. Zum Trotz.
Besonders der Eisstand wird ihr noch ein paar Minuten länger in Erinnerung bleiben: Er befindet sich direkt gegenüber von einem Fischstand. Sie bewundert den freundlichen Eisverkäufer.

Sie fragt sich, was aus dem morgendlichen Markt geworden ist und muss nach einem kurzen Fußmarsch zu ihrem Bedauern feststellen, dass dieser gerade abgebaut wird. So setzt sie sich stattdessen in ein Internetcafe. Sie hat nicht den Plan ins Internet zu gehen. Stattdessen bestellt sie zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben ein Kaffee-haltiges Getränk: Einen Iced Caffè Mocha. Er schmeckt ihr nach dem dritten Schluck und sie ist von sich selbst überrascht.

19.30 Uhr fährt der Bus nach Hause. Sie ist pünktlich und ihr ist schlecht, als sie den Bus betritt. Kreislaufprobleme. Dies geht vorbei und die Ruhe im Bus tut gut.

Auf dem Weg sieht sie einen Vater auf dem Fahrrad mit seinem Sohn auf dem Lenker. Er fährt Slalom und sie lachen.
Sie lacht auch und ist dankbar, 4 Sekunden an deren Glück teilgehabt haben zu können.

Als der Bus wieder in die Londoner City einfährt, verspürt sie ein angenehmes Gefühl. Zu Hause, denkt sie. Ja. So ein Gefühl in ihrem Bauch, das sie nur von Deutschland kannte, aber nun auch auf der Insel verspürt: Die Anziehung. Fast magnetisch. Sie fühlt sich wieder sicher, aufgehoben, von Bekanntem umgeben, zu Hause in einer Millionenstadt. Als wäre jeder Bewohner ihr Nachbar.
Ohne Straßenschilder zu sehen, erkennt sie am Stil der Gebäude, dass sie sich gerade in Notting Hill, in Kensington oder Chelsea befinden. Sie fühlt sich rund um wohl und gestärkt als sie den Bus verlässt.

Ihre Heimfahrt wird 1,5 Stunden dauern, da es offensichtlich Probleme bei St Johns Wood gab, aber sie kennt sich aus und weiß schnell eine Alternativroute.
Spontan muss man sein, denkt sie sich.

Es ist nicht mehr hell, als sie zu ihrer Wohnung läuft.

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